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Kurs: LGK_Lean_Grundlagen_Kompakt (DE)
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L08. Pull und Kanban-Grundlagen

Pull und Kanban-Grundlagen

LGK-L08 · v2.0 · 06.12.2025
🎯 Einführung & Lernziel
Ziel:

In L01–L07 hast du gesehen:

  • Lean-Grundidee, Kundennutzen und Muda (7+2),
  • Wertstrom, Kundentakt und Flussproduktion,
  • 5S, visuelles Management und Standardarbeit,
  • Problemlösung mit PDCA und Linienabgleich.

Jetzt geht es um die Steuerungslogik hinter einem Lean-Produktionssystem:

Wie sorgst du dafür, dass nur das produziert wird, was der nächste Prozess bzw. der Kunde wirklich braucht?

Dazu nutzt du:

  • das Prinzip Pull (ziehen statt schieben),
  • Kanban-Systeme zur Steuerung von Material- und Informationsfluss.
Nach dieser Lektion bist du in der Lage:

  • den Unterschied zwischen Push- und Pull-Steuerung erklären,
  • die Grundidee von Kanban beschreiben,
  • typische Kanban-Bausteine in einem Automobil-/Zulieferwerk benennen (Behälter, Karten, Regale),
  • erste Ansatzpunkte erkennen, wo in deinem Wertstrom Pull-/Kanban-Logik sinnvoll ist.

🎧 Audio-Appetizer
📘 Theorie & Grundlagen
Push vs. Pull – zwei gegensätzliche Steuerungslogiken

Push-Steuerung:

  • Produktion wird durch Pläne und Prognosen gesteuert,
  • Aufträge werden „in das System gedrückt“, sobald Kapazität frei ist,
  • typische Folgen:
  • hohe Bestände,
  • lange Durchlaufzeiten,
  • Überproduktion (Muda Nr. 1),
  • ständige Umpriorisierung.

Pull-Steuerung:

  • der Verbrauch am Ende des Wertstroms löst ein Signal aus,
  • vorgelagerte Prozesse produzieren nur, wenn ein konkretes Signal vorliegt,
  • Ziel:
  • Bestände begrenzen,
  • Fluss im Kundentakt stabilisieren,
  • Überproduktion vermeiden.

Grundprinzip von Kanban

Kanban ist ein Werkzeug, um Pull-Steuerung umzusetzen.

Kernprinzip:

**Der nachgelagerte Prozess „zieht“ Material vom vorgelagerten Prozess,

indem er ein Signal (Kanban) auslöst.**

Typische Elemente:

  • Kanban-Behälter (mit definierter Stückzahl),
  • Kanban-Karten oder Etiketten (Informationsträger),
  • Kanban-Regale oder Supermärkte (Puffer mit definiertem Bestand).

Wenn ein Behälter geleert wird:

  • wird die dazugehörige Kanban-Karte zurückgegeben oder digital ausgelöst,
  • vorgelagerter Prozess produziert genau diese definierte Menge nach,
  • so entsteht ein geregelter Kreislauf.

Supermarkt, Verbrauchssignal, Nachschub

Ein Kanban-Supermarkt ist ein klar definierter Puffer zwischen zwei Prozessen:

  • er enthält nur freigegebene, gültige Teile,
  • er hat eine begrenzte Anzahl an Behältern / Karten,
  • er versorgt einen nachgelagerten Prozess (z. B. Montage) mit Material.

Ablauf:

  1. Montage entnimmt einen Behälter aus dem Supermarkt (Verbrauch).
  2. Sobald der Behälter leer ist, wird das Kanban-Signal ausgelöst.
  3. Der vorgelagerte Prozess produziert den Behälter nach Standard nach.
  4. Der Behälter wird in den Supermarkt zurückgestellt.

So steuert der Verbrauch den Nachschub – nicht ein abstrakter Plan.


Dimensionierung von Kanban (vereinfacht)

Die Anzahl der Kanban-Behälter wird typischerweise aus folgenden Größen abgeleitet:

  • Verbrauch pro Zeiteinheit (z. B. Teile pro Tag),
  • Wiederauffüllzeit (von Kanban-Auslösung bis Behälter wieder im Supermarkt),
  • Sicherheitsfaktor (z. B. für Schwankungen, Störungen).

Vereinfachte Denke:

**Je kürzer die Wiederauffüllzeit und je stabiler der Prozess,

desto weniger Kanban-Behälter werden benötigt.**

Zu viele Kanban-Behälter:

  • → hohe Bestände, lange Durchlaufzeiten.

Zu wenige Kanban-Behälter:

  • → häufige Materialengpässe, Stillstände.

Kanban im Kontext von Wertstrom, Fluss und Muda
  • Wertstrom (L03): zeigt, wo Material zwischen Prozessen gepuffert wird,
  • Fluss (L07): sorgt für gleichmäßige Bewegung in Segmenten,
  • Kanban (L08): regelt Übergabepunkte zwischen Segmenten:
  • z. B. zwischen Bearbeitung und Montage,
  • zwischen Vormontage und Endmontage,
  • zwischen interner Fertigung und Versand / externem Kunden.

Nutzen:

  • Bestände sind sichtbar begrenzt (Muda „Bestände“),
  • Nachschub ist voraussagbar und an Verbrauch gekoppelt,
  • Planungsaufwand sinkt, weil Detailsteuerung vor Ort über Pull läuft.

🔧 Praxis & Umsetzung
Schritt 1 – Geeigneten Bereich für ein Kanban-Pilotprojekt auswählen
  • Wähle eine Schnittstelle im Wertstrom, z. B.:
  • Bearbeitung → Montage,
  • Vormontage → Hauptmontage,
  • Lager → Linie.
  • Kriterien:
  • wiederkehrender Materialfluss,
  • eher stabile Nachfrage,
  • aktuell sichtbare Probleme mit Beständen oder Materialverfügbarkeit.

Schritt 2 – Materialfluss und Verbrauch analysieren
  • Ermittle:
  • durchschnittlichen Verbrauch pro Tag / Schicht,
  • Wiederauffüllzeit (inkl. Rüst- und Transportzeiten),
  • aktuelle Bestände an dieser Schnittstelle.
  • Visualisiere:
  • wie Material aktuell fließt (Push? Sammelabrufe? Zwischenlager?),
  • wo Wartezeiten, Suchzeiten oder Engpässe auftreten.

Schritt 3 – Einfaches Kanban-Design erstellen
  • Definiere:
  • Kanban-Behältergröße (Anzahl Teile je Behälter),
  • Anzahl Behälter / Karten im Umlauf (erste Abschätzung),
  • Supermarkt-Standort und Layout (Regale, Markierungen),
  • Kanban-Signal (Karte, Etikett, digitaler Scan).
  • Festlegen:
  • wer nimmt das Material,
  • wer produziert nach,
  • wer pflegt Kanban-Regeln und Ausnahmen.

Ziel: Ein eindeutiges, verständliches System für alle Beteiligten.


Schritt 4 – Pilot einführen und visuell machen
  • richte den Kanban-Supermarkt ein (Behälter, Stellplätze markieren),
  • verteile Kanban-Karten / Etiketten,
  • schule die beteiligten Teams:
  • wann ein Kanban ausgelöst wird,
  • was mit der Karte passiert,
  • welche Regeln gelten (z. B. keine Produktion ohne Kanban).
  • nutze visuelle Elemente:
  • Füllstandsanzeigen im Regal (Min-/Max-Markierung),
  • einfache Übersichten (z. B. Board mit Kanban-Regeln).

Schritt 5 – PDCA: System anpassen und stabilisieren
  • beobachte das System einige Wochen:
  • treten Materialengpässe auf?
  • sind Bestände immer noch zu hoch?
  • funktionieren die Regeln im Schichtalltag?
  • analysiere Abweichungen mit PDCA:
  • mehr oder weniger Kanban-Behälter nötig?
  • Wiederauffüllzeiten realistisch?
  • Schulung / Disziplin ausreichend?
  • passe:
  • Anzahl der Kanban-Behälter,
  • Layout des Supermarkts,
  • Standardarbeit und visuelle Hinweise an.

📝 Praxis-Checkliste
  • [ ] Ich kann den Unterschied zwischen Push- und Pull-Steuerung erklären.
  • [ ] Ich kenne die Grundidee von Kanban (Signal, Behälter, Supermarkt).
  • [ ] Ich habe eine geeignete Schnittstelle im Wertstrom für ein Kanban-Pilotprojekt identifiziert.
  • [ ] Es gibt ein erstes, einfaches Kanban-Design (Behälter, Karten, Supermarkt).
  • [ ] Ich nutze PDCA, um das Kanban-System zu stabilisieren und anzupassen.

💡 Merksatz

**Pull und Kanban sorgen dafür,

dass nur das produziert wird, was wirklich gebraucht wird.

Sie begrenzen Bestände, stabilisieren den Fluss

und machen Überproduktion sichtbar und vermeidbar.**


📊 Visuals & Charts
  • Grafik: Push vs. Pull im Vergleich (Material- und Informationsfluss),
  • Schema eines Kanban-Supermarktes mit Behältern und Kartenkreislauf,
  • einfaches Beispiel einer Kanban-Karte (Felder, Informationen).
📚 Quellen & Referenzen
  • Ohno, T.: Toyota Production System.
  • Jones, D.T.; Womack, J.P.: Lean Thinking.
  • Lean Enterprise Institute: Kanban- und Pull-System-Guides.
  • Lean4Y Academy: LGK Curriculum v2025 – Pull-Steuerung & Kanban-Grundlagen.

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